12
Nov
    Von Lehmhaufen und anderen Ruinen
Peru

Machu Picchu – ein lang gehegter Traum wurde wahr. Doch erst einmal standen noch die Küste und der Süden Ecuadors sowie die nordperuanische Küste auf dem Programm.

Von Olivia

Der Mensch lernt nie aus. So unterzog sich Rafael einer einwöchigen Spanisch-Schnellbleiche an Ecuadors Küste und kann jetzt immerhin ein Essen bestellen oder ein Busticket kaufen. Während er die Schulbank drückte, wollte ich das Strandleben von Montañita geniessen, lesen und Surfen üben. Doch was war das? Eine Woche lang gab es weder Sonnenlicht noch ein Fleckchen blauen Himmel, dazu wehte ein giftiger Wind – wie im Schweizer Hochnebelwinter, der einzige Unterschied waren 20 Grad Celsius. Es war genug kalt, um drinnen zu bleiben, und Rafael holte sich sogar eine Erkältung.
Sonne und Wärme holten wir dafür reichlich nach in der wunderschönen Kolonialstadt Cuenca und anschliessend in Vilcabamba im Süden Ecuadors. Im «Tal der Langlebigkeit» genossen wir Wanderungen, Massagen und köstliches Essen.


«Fliegen» in peruanischen Luxusbussen

Vollgetankt mit Sonne machten wir uns auf die zehnstündige Busfahrt nach Peru. Den Grenzübertritt durften wir jedoch zu Fuss machen. Wir schritten über die internationale Brücke, unter uns der Fluss, der die Landesgrenze markiert. Um uns am selben Tag nicht noch weitere sechs Stunden Busfahrt antun zu müssen, suchten wir uns eine Unterkunft in Piura, einer nicht weiter erwähnenswerten Stadt in Nord-Peru. Der Portugiese Duarte, den wir im Bus kennengelernt hatten, teilte mit uns eines der mikroskopisch kleinen Taxis. Beim Beladen mit den drei grossen Rucksäcken sackte das Chassis des Autölis schon fast bis zum Boden ab. Mit uns dreien sowie dem Taxifahrer schaffte es das Gefährt gerade noch bis zum Hotel. Später sahen wir vom Balkon aus, wie ein ratloser Taxifahrer vor der geöffneten Motorhaube stand und sich am Kopf kratzte.

Ein spezielles Fahrerlebnis hatten wir auch tags darauf. Um in den Genuss des hypermodernen Doppelstockbusses nach Trujillo zu kommen, mussten wir beim Ticketkauf (nur 12 Franken pro Person) unsere Pässe vorweisen, das Gepäck an einem Schalter einchecken und uns einer Sicherheitskontrolle mit Metalldetektor, Fingerabdruck und Videoüberwachung unterziehen – als würde ein Flug in die USA anstehen. Der Bus mutete innen wie ein Flugzeug an, und es hätte uns nicht erstaunt, wenn er in die Luft abgehoben wäre. Während der Fahrt servierte uns eine schicke Flight Attendant, pardon, Bus Attendant, ein belegtes Frühstücks-Brötchen und später ein Dreigang-Mittagessen. Währenddessen wurden wir mit drei Hollywood-Filmen eingelullt, die – im Gegensatz zum Programm in «herkömmlichen» Bussen – keine primitiven Baller- und Splatterfilme waren.

Hund oder Schwein?
Nach dem Bus-Flug fuhr Ronald, ein von der Luxusbus-Firma angestellter Taxifahrer, uns drei zum nicht mehr ganz schweizerischen Hostel «Casa Suiza
» im Küstenort Huanchaco. Ronald wurde für die nächsten drei Tage unser persönlicher Taxifahrer, der uns zu Stätten von Prä-Inka-Kulturen chauffierte. Dabei handelte es sich um gigantische Lehmstrukturen namens Huaca de la Luna, Huaca del Sol und Chan Chan, wobei Letzteres zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Jede Stätte hatte sein eigenes Haustierchen, einen haarlosen schweineartigen Hund namens Viringo oder Xoloitzcuintle. Alles klar? Uns auch nicht. Darum nannten wir den Hund der Einfachheit halber «Schweinehund».

Da die nordperuanische Küste auch als Surferparadies gilt, wollten wir wieder mal unsere bescheidenen Surfkenntnisse erweitern und buchten eine Surftour zu einer der längsten Wellen der Welt. Profis surfen darauf bis zu zweieinhalb Minuten. Gemäss dem Guide – für uns schon der dritte Carlos – waren die Wellen aber auch für uns gut geeignet. Doch die Realität war anders: Die Wellen waren so schnell und hoch, dass wir vor lauter Gegen-die-Wellen-Kämpfen gar nicht zum Surfen kamen. Stattdessen schlitzte ich mir einen Fuss an einem scharfen Stein auf und konnte für eine Woche normales Gehen vergessen. Immerhin konnte ich mich endlich unseres Erste-Hilfe-Köfferchens bedienen, das wir seit zehn Monaten fast ungebraucht mit uns herumschleppten. Da mir seit etwa drei Wochen auch noch die eine Hüftseite schmerzte, suchte ich einen von Carlos empfohlenen Chiropraktiker aus den USA auf, der in Trujillo praktizierte. Dr. Michael gehörte optisch zur Sorte TV-Serien-Doktor, den alle weiblichen Zuschauer anhimmeln. Unter lautem Knacken renkte er mir das Bein wieder ein. Es wird sich zeigen, ob die Behandlung nachhaltig war.

In der Höhe herumstolpern
Halb humpelnd und neuerdings auch noch erkältet machte ich mich mit Rafael auf den Flug nach Lima, von wo wir zur früheren Inka-Hauptstadt Cusco im südperuanischen Hochland flogen. Auf fast 3400 Metern über Meer holten mich einmal mehr die Symptome der Höhenkrankheit heim. Sogar das Abendessen verabschiedete sich gleich nach dem Konsum im Strassengraben. Rafael hingegen spürte – abgesehen von etwas kurzem Atem – nicht viel von der Höhe. Im Hostel – trotz esoterischem Touch (oder gerade deswegen?) – liess es sich immerhin gut relaxen. Zwischendurch besuchten wir eindrückliche Inkaruinen mit exotisch klingenden Namen wie Saqsayhuamán oder Ollantaytambo und staunten, wie perfekt die riesigen Steinblöcke aufeinander passten. Vor allem beeindruckte uns, wie die Inkas die gigantischen Brocken auf die hohen, steilen Hügel schleppen konnten. Nach all den Lehm- und Steinruinen besuchten wir noch die Salzminen von Maras, die uns bezüglich Form und Grösse an die Reisterrassen der Philippinen erinnerten. Anstatt grün waren sie jedoch weiss-braun.

Machu Picchu – ein Kindheitstraum geht in Erfüllung
Nun stand uns noch die ultimative Inkaruine bevor: Machu Picchu, das wir schon immer besuchen wollten, seit wir als Schulkinder von dessen Existenz erfahren hatten. Mit dem Zug – Nostalgie, Nostalgie! – tuckerten wir von Cusco nach Aguas Calientes, dem Inbegriff des Touristen-Alptraums. Doch dies war nun einmal der Ausgangspunkt für die berühmten Inkaruinen, vor allem, wenn man ganz früh morgens vor dem grossen Touristenansturm oben sein wollte. Um 5 Uhr in der Früh zogen wir im Tal los und bezwangen über 1700 Treppenstufen. Inzwischen machten Fuss und Hüfte wieder ziemlich gut mit, und auf «nur» 2000 Höhenmetern fühlte ich mich wieder pudelwohl. Um halb sieben, im goldenen Morgenlicht, sahen wir sie dann endlich: die Ruinenstadt Machu Picchu, viel schöner als auf all den Fotos. Auch wenn der berühmte Berg im Hintergrund, der Wayna Picchu, fehlte. Doch langsam enthüllten ihn die mystischen Wolken und gaben die perfekte Postkarten-Ansicht frei.

Nun stand die Besteigung dieses Bergs an, für die wir Tage zuvor ein Extraticket hatten ergattern können. Es ging sehr steil bergauf, immer wieder mussten wir uns an Geländern und Seilen festhalten. Der strenge Aufstieg lohnte sich absolut: Um den Gipfel herum klebten weitere Inkaruinen wie Schwalbennester am Berg, und es bot sich eine fantastische Aussicht auf Machu Picchu hinunter. So ging es nicht lange, bis uns ein Paar aus St. Gallen anfragte, ob wir ein Foto von ihnen machen könnten. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, sodass wir uns abends nach dem aktiven Tag gemeinsam die Bäuche vollschlugen. Danach begaben wir uns satt und zufrieden wieder in unsere Hostels und schliefen den wohl besten Schlaf seit langer Zeit.


 
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