Von der Stadt der Engel zur Stadt der Spielhöllen PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, den 25. Mai 2011 um 04:19 Uhr

Von Rafael

Es gibt definitiv viele Städte, die charmanter sind als das auto-orientierte Los Angeles. Dort waren wir auch nur, um uns ein Auto zu kaufen. Spannender wurde es im spielverrückten Las Vegas.


Los Angeles, die Stadt der Engel? Das ich nicht lache. Also wenn der Himmel so aussieht, dann will ich da nicht hin. Wo bleibt der Charme dieser Megacity, wo die unvergesslichen Gebäude, die lauschigen Plätze, die Restaurants mit Gartenwirtschaften, die Fussgängermeilen? Los Angeles gleicht einer riesigen Vorstadt ohne richtige Identität. Und so auch das Wahrzeichen dieser Stadt, schlicht und simpel, ein riesiger Schriftzug in den Hügeln über der Stadt: «Hollywood». Es ist nicht der Schriftzug selber, der uns beeindruckt, sondern was wir in den Begriff hinein interpretieren. Ein Leben als Berühmtheit, im Rampenlicht stehen, von der Leinwand herunter grinsen, einen eigenen Stern auf dem «Walk of Fame» mit Hand und Fussabdruck. Es scheint mir, als sei die Stadt auf Träumen gebaut, eine schlichte Hülle einer anderen Realität.


Auto kaufen – leichter gesagt als getan

Wer nach Los Angeles kommt, tut das wohl kaum wegen der Stadt, sondern scheint eine Mission zu haben. So auch wir, wir brauchen einen Camper für unseren viermonatigen Roadtrip bis rauf nach Alaska. Und das geht so: Im Internet ein passendes Fahrzeug suchen, Mitglied der AAA (American Automobile Association) werden, Liability-Versicherung abschliessen, das Auto von einem unabhängigen Mechaniker begutachten lassen, das Auto kaufen und diverse Mängel beheben lassen.

Tönt einfach, ist es aber nicht. Das Fahrzeug ist relativ schnell gefunden, ein alter zerkratzter GMC Vandura aus dem Jahre 1995. Doch nur schon die Busreise von unserer Unterkunft bis zur Garage, wo unser fahrbarer Untersatz steht, dauert im ÖV-Paradies LA eine halbe Ewigkeit, zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück, und das im Ganzen siebenmal.

Das Personal der AAA ist zwar überfreundlich und die Anmeldung geht aalglatt, doch sie versichern leider nur kleinere Fahrzeuge, und ohne Liability-Versicherung bekommen wir keine Autonummer. Also einen Termin bei einer anderen Versicherung, ein weiterer halber Tag ist weg.

Wir lassen das Auto von der chinesischen Autowerkstatt gegenüber unserem Autohändler überprüfen. Es braucht einen neuen Keilriemen, einen neuen Scheibenwischermotor, neue Glühbirnen für die Lichter und neue Reifen. Das scheint und machbar, und wir kaufen den Van für 2500 Dollar inklusive Registrierung und Taxen, ich konnte den Preis noch um 500 Dollar runterhandeln.

Nach etlichen falsch ausgefüllten Formularen beim Autohändler und einem weiteren halben Tag ist der Deal endlich unter Dach und Fach. Doch leider haben die Chinesen den Van nicht wie vereinbart repariert und versuchen sich mit Ausreden. So bringen wir den Wagen halt zu den mexikanischen Mechanikern nebenan, die sich erstaunlicherweise als zuverlässiger herausstellen und gleich noch ein Leck im Radiator entdecken. Endlich, wir sind zwar um weitere 800 Dollar und unzählige Nerven ärmer, aber das Fahrzeug ist repariert und wir sind stolze Besitzer unseres eigenen Campervans. Campervan ist vielleicht etwas übertrieben, noch fehlt die Campingausrüstung, um in unserem «Hotel California» zu wohnen. Das Bett zimmern wir uns bei Nacht und Nebel auf dem Parkplatz von Home Depot, einer überdimensionierten Version des schweizerischen Do it yourself.

Das Messband, das wir netterweise von den mexikanischen Mechs geschenkt bekommen haben, erweist sich dabei als äusserst nützlich. Für die gebrauchte Bibel, die sie uns ebenfalls schenkten, haben wir allerdings weniger Verwendung. Vielleicht dachten sie, dass bei dem Zustand unseres neuen Gefährts nur noch Beten hilft. Wir finden jedoch, dass die Bibel in der Stadt der Engel besser aufgehoben ist, und so lassen wir sie im Büchergestell der Jugi in Venice Beach zurück.

Kitsch und Kult in Las Vegas

Ja, nun haben wir einiges an Geld ausgegeben. Das muss doch irgendwie wieder rein, finden wir. Und was ist der einfachste und schnellste Weg, um zu viel Geld zu kommen? Genau, Glücksspiel. Also nichts wie los nach Las Vegas. Um dahin zu kommen, müssen wir aber zuerst mal aus LA raus, und dies auf der Lebensader dieser autoverrückten Stadt: einem zwölfspurigen Freeway. Eine echte Herausforderung, zumal wir zur besten Zeit unterwegs sind, der allmorgendlichen Rush Hour. Zum Glück habe ich mit Olivia eine Meisternavigatorin neben mir. Zusammen lassen wir die Stadt der Engel hinter uns, auf dem Weg in die Stadt der Spielhöllen.


Las Vegas, ein absoluter Wahnsinn, eine Stadt mitten in der Wüste, gebaut mit dem einzigen Ziel, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Doch wenigstens tut sie das mit Stil, glitzernd und funkelnd mit Kitsch der Superlative. Die Casino-, Unterhaltungs- und Hotel-Tempel sind der Hammer. Wieso um die Welt reisen, wenn wir hier alles auf einmal haben können? Rom mit dem Ceasar's Palace samt Kolosseum, Paris mit Eiffelturm, New York mit Freiheitsstatue, Venedig mit dem Canale Grande, Piratenschiffe, Vulkane, Springbrunnen und Pyramiden in der Wüste.

Olivia und ich sind keine grossen Spieler, doch diese Stadt zieht uns magisch in ihren Bann, und irgendwie muss ja auch das Geld für unser Auto ja wieder rein. So wirklich gross schiessen wir dann aber doch nicht rein, wir denken, 25 Dollar pro Person sollten doch bei Weitem reichen, unsere Ausgaben wieder reinzuholen. Wir spielen am Roulette-Tisch für arme Leute mit 50-Cent-Chips und Minimaleinsatz von 3 Dollar pro Runde. Der Gewinn kann sich trotzdem sehen lassen. Naja, nicht gerade die Kosten fürs Auto, aber immerhin das Nachtessen ist an diesem Abend gratis. Beflügelt durch diesen Wahnsinnsgewinn, beschliessen wir, unser Glück ein zweites Mal zu versuchen. Meine 25 Dollar sind schon nach fünf Minuten verspielt. Olivia hingegen hält sich tapfer, aber schlussendlich muss auch sie sich geschlagen geben. Der Traum vom grossen Gewinn ist geplatzt, wir verlassen Las Vegas, ärmer als wir gekommen sind. Dies aber weniger wegen des Glückspiels, sondern weil wir noch beinahe den halben Wal Mart an Campingartikeln leergekauft haben. Jetzt ist aber Schluss mit Konsum, wir wollen endlich wieder raus in die Natur.


 

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