Big in Alaska PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 16. September 2011 um 02:38 Uhr

Alaska, der grösste Staat der USA. Wir nahmen uns einen ganzen Monat Zeit, «The Last Frontier» zu erkunden. Dort sahen wir Grosses, und doch war dies nur ein kleiner Teil.

Von Olivia:

Gemütlich liegt er im Wasser, die Beine von sich gestreckt, und zwei grosse runde Augen schauen aus dem dichten Fell zu uns. Wir kayaken um einen Seeotter im Hafen des malerischen Dörfchens Seldovia. Das Tier kennt keine Scheu, geniesst es offenbar, dass wir ihm Gesellschaft leisten. Die meisten anderen Otter weiter draussen im Meer reagieren anders auf unsere Ankunft. Später erfahren wir, dass der Otter im Hafen ein älteres Semester ist, das von den jungen Männchen aus deren Gebiet verjagt worden ist. Nun hat er zwischen den Booten Seldovias, einem ehemaligen russischen Dorf, eine nette Bleibe gefunden. Die Bevölkerung hat ihn schon lange ins Herz geschlossen – wie auch wir. Unsere helle Freude haben wir auch an den beiden perfekten, schneebedeckten Vulkanen auf der anderen Seite des Meeresarms. Stets in unserem Blickfeld an diesem wolkenfreien Kayaktag, thronen der Mount Iliamna und der Mount Redoubt direkt über dem Wasser.

Gletscher auf der Flucht
Auf dem Weg nach Anchorage rauf machen wir noch einen Abstecher zum Portage Glacier. Einst reichte er bis hinunter ins Tal und kalbte spektakulär mit viel Getöse in den Portage Lake. So baute der Staat Alaska eigens ein Besucherzentrum mit Sicht auf den Gletscher. Doch was passierte? Der Eisstrom zog sich plötzlich hinter einen Felsen zurück, und nun ist er vom Besucherzentrum aus nicht mehr sichtbar. Als wir das hässliche Gebäude – Coop Wetzikon lässt grüssen – persönlich zu Gesicht bekommen, wird uns auch sofort klar, warum der Gletscher hinter den Berg geflüchtet ist. Auf einer Wanderung kommen wir aber doch noch in den Genuss, den Flüchtigen zu bestaunen.



Apropos hässliche Gebäude: Zu einem Besuch des Portage Glacier gehört auch eine Autofahrt durch einen einspurigen Eisenbahntunnel nach Whittier. Ja, Ihr habt richtig gelesen. Wir fuhren mit dem Auto auf Schienen durch einen Eisenbahntunnel, als mal gerade kein Zug durchfuhr. Nun, Whittier wurde während des Zweiten Weltkriegs gebaut, als sich die Amerikaner akut von den Japanern bedroht fühlten. Es musste ein Stützpunkt her, der möglichst schlecht sichtbar war, und dank der versteckten Lage und des zumeist üblen Wetters war Whittier der ideale Ort. Als wäre dies nicht schon genug übel, baute man für das Militär schuhschachtelartige Wohnsilos, die in ihrer Hässlichkeit kaum zu übertreffen sind. Ob da der Architekt des Coop Wetzikon seine Inspiration her hat? Wer weiss.



Von Rafael:

Der Grösste
Und hier steht er vor uns, immer noch 65 Kilometer entfernt, und trotzdem hebt er sich bereits mächtig und weiss leuchtend vom blauen Himmel ab. Ich spreche vom Mount McKinley, mit 6194 Metern der höchste Berg Nordamerikas und somit der höchste Berg, den ich je gesehen habe. Atemberaubend. Kein Wunder, wurde dieser Berg von der Urbevölkerung «Denali» genannt, was so viel heisst wie «der Grösste». Wir fahren von Anchorage in Richtung Fairbanks mit dem Ziel Denali-Nationalpark. Im riesigen Alaska ist dieser spektakuläre Park eines der wenigen Naturwunder, die über die Strasse erreichbar sind, und ist dementsprechend beliebt bei Besuchern.

Die Parkverwaltung unternimmt denn auch alles, um die Wildnis hier wild zu halten, es ist alles bis aufs letzte Detail durchreglementiert. Wir glauben, dass sogar die Eichhörnchen auf dem Campingplatz ihre spezielle Daseinsbewilligung haben. Die ganzen Regeln lassen uns folgende Möglichkeiten, hier etwas zu unternehmen: Da die einzige Strasse durch den Park für den Normalverkehr gesperrt ist, können wir mit dem Park-Tourbus eine Tagesrundfahrt machen. Oder wir können mit dem Camperbus in den Park fahren, falls wir dort campieren wollen. Dies ist im und ausserhalb des Parks auf Campingplätzen möglich, falls dort Platz vorhanden ist, oder wir man wandert in die Wildnis und campiert dort frei.

Da der ganze Park in Segmente aufgeteilt ist und pro Segment nur eine bestimmte Anzahl Camper zugelassen ist, brauchen wir fürs wilde Campieren eine Wildnisgenehmigung vom dafür zuständigen Wildniscenter. Diese bekommen wir aber nur nach der Konsultation eines dreissigminütigen Videos über das richtige Verhalten gegenüber Wildtieren, speziell gegenüber der Spezies «Ursus americanus» und «Ursus arctos horribilis», und dem sicheren Überqueren oder besser gesagt Durchqueren von Flüssen ohne Brücken. Na, alles klar? Eben. Doch nach einigen Anläufen haben wir alles entwirrt und sind nun im Besitz aller nötiger Genehmigungen. Also nichts wie raus in die Wildnis.

Von Beeren und Bären
Na ja, und wenn alles genaustens geplant ist, dann kommt es bekanntlich meistens anders. Auf unserer ersten Wanderung im Park geraten wir in starken Regen und die darauf folgende Nacht im Zelt ist bitter kalt. Wir sind zwar mittlerweile nicht schlecht ausgerüstet, aber halt nicht gut genug für frühherbstliche Nächte in Alaskas Bergwelt mit Temperaturen um den Gefrierpunkt. Also zurück zum Ausgangspunkt und zum kuschligen Bett in unserem Van. Die Bergwanderung am Parkeingang ist zwar nicht schlecht, aber halt nicht das Wildnisabenteuer, auf das ich mich gefreut habe. Olivia scheint dies nur recht zu sein, sie kann sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, mit grossen Rucksäcken durch unwegsames Gelände zu wandern und unter Bären zu campen, sie mag lieber das Abenteuer light. Da ich aber in der Nacht auch nicht gerne friere, kann auch ich mich damit abfinden, zumal wir noch eine zusätzliche Nacht auf dem sonst ausgebuchten Campingplatz am Wonder Lake ergattern. Von dort aus soll die Aussicht auf die Nordflanke des Mount McKinley umwerfend sein.

Aufgewärmt und mit zusätzlichen Decken ausgestattet geht es wieder rein in den Park. Als wollte er sich für die nicht wirklich gelungene Begrüssung revanchieren, präsentiert dieser sich nun von seiner besten Seite. Umsäumt von der gewaltigen Alaska Range und durchzogen von immensen glitzernden Flussdeltas leuchtet die Tundra, so weit das Auge reicht, in ihrem rotgelben Herbstgewand. Nur Mount McKinley ziert sich noch, hinter seinem tiefhängenden Wolkenvorhang hervorzuschauen. Dafür offenbart sich uns die Tiervielfalt, für die der Denali so berühmt ist: Vom kleinen Eichhörnchen, Murmeltier und Fuchs über Wolf, Bergschaf, Karibu und Grizzlybär bis hin zum mächtigen Elch.

Die zwei Tage auf dem Wonder Lake Campground vergehen wie im Fluge, dies nicht zuletzt wegen des höchst unterhaltsamen 66-jährigen Mechanikers und Fotografen Jim und seiner etwas älteren Frau, dem ehemaligen Showgirl Marleyne aus North Pole, Alaska. Marleyne und Jim sind die absoluten Campingplatz-Könige. Während sich alle anderen Camper auf rucksackkonforme Zeltausrüstung beschränken, haben sich Jim und Marleyne ein richtiges Zeltschloss mitsamt Gasheizung aufgebaut. Sogar eine zusätzliche Decke können sie uns ausleihen, damit wir auch bestimmt nicht frieren in der herbstlichen Alaska-Nacht.

Am ersten Abend bequemt sich Mount McKinley dann doch noch, für ganz kurze Zeit hinter seinem Wolkenvorhang hervorzuschauen. Gewaltig, nur schon deswegen hat sich die Reise dort hinaus gelohnt. Der zweite Tag ist wieder wolkenverhangen, und wir begnügen uns mit einer kurzen Wanderung. Dafür verbringen wir mehr Zeit mit dem Sammeln von Beeren, und die gibt es dort im Überfluss in allen erdenklichen Farben. Wir beschränken uns auf die Heidelbeeren, den Rest überlassen wir den Bären, die fressen schliesslich pro Tag bis zu 56 Kilo davon.


 

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