Die Inseln der Urviecher PDF Drucken E-Mail
Montag, den 24. Oktober 2011 um 03:28 Uhr

Wir kehren zurück zu den Inseln des Pazifiks und wandeln auf den Galápagos auf Darwins Spuren. Bei all den urtümlichen Kreaturen kommen wir nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Von Rafael

Es ist zwar verboten, hier Vögel zu füttern. Ich tu's trotzdem, schliesslich haben diese kleinen, unscheinbaren Vögel – genannt Darwinfinken – mitgeholfen, uns aus der lachhaften Theorie der christlichen Schöpfungsgeschichte zu befreien. Ja, wir sind auf den Galapagos und warten am Flughafen von Isla Baltra auf das Eintreffen weiterer Teilnehmer unserer achttägigen Bootstour. Diese wird uns in den Norden und den Westen des Archipels bringen. Aber jetzt mal alles schön der Reihe nach:

Vor drei Tagen sind wir auf den Galápagos angekommen und somit sozusagen zurückgehrt auf die Inseln des Pazifiks. Wer nun aber an die palmengesäumten Traumstrände des Südpazifik denkt, der ist hier fehl am Platz. Die Galápagos sind je nach Insel oder Inselseite entweder karg und heiss oder nebelverhangen, feucht und kühl. Trotzdem, sie sind speziell, so speziell, dass man wohl vergeblich einen zweiten derartigen Ort auf unserem Planeten sucht. Ich rede von den Bewohnern der Inseln, von denen, die schon lange, lange da waren, bevor der erste Homo Sapiens seinen destruktiven Fuss auf das Archipel setzte. Viele dieser Bewohner scheinen direkt aus der Urzeit zu stammen, und noch erstaunlicher ist, dass sie absolut keine Scheu zeigen. Ein gutes Beispiel dafür ist der winzige Fischmarkt des Ortes Puerto Ayora. Hier betteln Pelikane und Seelöwen um die Wette, als wären sie ungezogene Schosshunde.

Puerto Ayora liegt auf der Insel Santa Cruz, wo wir die ersten drei Tage wohnen. Zahme Pelikane und Seelöwen sind zwar putzig, aber es gibt hier noch weit seltsamere Kreaturen. So führt uns unser erster Ausflug ins Hochland der Insel. Mystisch, wie sich hier oben Nebelschwaden in den flechtenbehangenen Bäumen verfangen. Und da sind sie, wie grosse Findlinge zufällig in den saftigen Wiesen verstreut, die urzeitlichen Riesenschildkröten. «Wieso schnell, wenn's auch langsam geht?», lautet hier die Devise. Friedlich grasend, stumpfsinnig mit eingezogenem Kopf gegen einen Grashügel geparkt oder halb in einem Sumpfloch abgetaucht – diese Urviecher scheinen sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen zu lassen. Tja, Schildkröte müsste man sein. Ein ganz besonderes Exemplar besuchen wir später in der Darwin Station, einer Aufzuchts-Station für Galápagos-Schildköten. Er stammt von der Insel Pinta, Sein Name ist «Lonesome George». Lonesome, weil er als einziger seiner Art nicht im Kochtopf hungriger skrupelloser Seeleute gelandet ist. Mit dem bescheidenen Alter von 180 Jahren verbringt er jetzt seinen Lebensabend weit weg von seiner Insel hier auf der Forschungsstation.

Ein schwimmendes Zuhause
Mittlerweile haben wir unsere Gruppe von 16 Personen zusammen und beziehen Quartier in unserem Tourboot, das für die nächsten acht Tage unser schwimmendes Zuhause sein wird. Das Boot «Floreana» ist wirklich nicht so gross, und ich frage mich, wie zum Henker hier 16 Personen reinpassen sollen, zumal jede Zweierkabine ihr eigenes WC und Dusche hat. Aber es geht, und es ist auch noch recht gemütlich, obwohl unsere Kajüte mehr einem Wandschrank als einem Zimmer gleicht. Olivia und ich haben zudem Glück und gehören zu den zwei auserwählten Pärchen, die eine Kabine auf dem oberen Deck bekommen. Wir sind somit nicht zwischen dem lauten Maschinenraum und dem Speisesaal eingepfercht, haben frische Luft, und es schwappen bei hohem Seegang auch keine Wellen durch das nichtverschliessbare Fenster im Badezimmer. Die Crew ist nett und zuvorkommend, und das Essen ist köstlich und reichlich. Unser Guide mit dem wohlklingenden Namen Rafael hat ein hervorragendes Fachwissen, doch leider ist seine Art, Dinge zu erklären, sehr umständlich. Dies stellt auch den geduldigsten Zuhörer auf eine harte Probe.

Wir starten unsere Tour nordwärts, begleitet von riesigen finsteren Fregattvögeln, die in Armlängen-Distanz unserem Boot folgen und scheinbar gar nicht mit den Flügeln schlagen müssen. Normalerweise reisen wir in der Nacht von Insel zu Insel und ankern während des Tages. Am ersten Abend mache ich den Fehler und schaue nach dem Essen noch einen Film. Da mein Magen aber entscheidet, dass Mattscheibenkonsum und hoher Seegang nicht miteinander einhergehen, verfüttere ich mein erstes Abendessen an die Fische. Die nehmen das dankbar an, auch in vorverdautem Zustand.

Baden mit den Haien
Es würde jetzt den Rahmen sprengen, jede Insel im Detail zu beschreiben, deshalb hier einige Highlights:

Die Insel Genovesa wird von den Vögeln regiert. Blaufusstölpel mit roten Schnäbeln Rotfusstölpel mit blauen Schnäbeln sowie maskierte Tölpel, Fregattvögel, Lavamöwen, Galápagos-Tauben, Kurzohreulen, Darwinfinken und einige Arten, die sich meinen ornithologischen Kenntnissen entziehen. Alle diese Vogelarten haben die karge Insel zu ihrem Nistplatz auserkoren. So ist Genovesa voller Küken, die mit ihrem flauschigen Daunenkleid jedem Lämmchen Konkurrenz machen können. Tölpel sind übrigens keineswegs so tollpatschig, wie ihr Name suggeriert. Halbwüchsige fangen sogar kleine Ästchen, die man ihnen zuwirft.

Die Ostseite der Insel Santiago besticht durch ihre bizarren Lavaformationen, Hawaii lässt grüssen. Die Westseite ist Heimat riesiger Meerechsen-Kolonien. Diesen urzeitlichen, Salzwasser speienden Minidrachen begegnen wir fast auf jeder Insel. Meist erfahren wir von ihrer Präsenz zuerst durch ihren Gestank. Sehen tun wir sie erst, nachdem wir schon fast draufgetreten sind, so gut integrieren sie sich in ihre Umgebung. Ich glaube sowieso, dass sie direkt aus den Lavafelsen wachsen und sich später komplett von diesen ablösen, sie sehen ja auch aus als, wären sie mit Sand gefüllt.

Sehr niedlich sind auch die Seelöwenbabys, die auf der Ostseite von Santiago in ihren Babyplanschbecken, den Gezeitenpools, spielen. Eines der Seelöwenbabys macht sich einen Spass daraus, den Meerechsen nachzustellen und diese in den Schwanz zu beissen. Vielleicht ist es der erste seiner Art, das mit den Meerechsen eine neue Nahrungsquelle erschliesst. Evolution eben, Darwin lässt grüssen. Auch die Seelöwen sehen wir auf jeder besuchten Insel wieder. Sie sind unglaublich neugierig und verspielt, ein Kleiner schafft es sogar nach mehreren Anläufen, in unser Schlauchboot zu springen.

An der felsigen Küste der Insel Bartolomé schnorcheln wir mit den winzigen Galápagos-Pinguinen und besteigen am Abend einen Aussichtspunkt von dem aus wir zuschauen, wie eine rotglühende Sonne hinter den Bergen versinkt.

Auf Isabela, der grössten Insel der Galápagos, erkunden wir in der Mittags- und Nachmittagshitze den Vulkan Sierra Negra mit seinem riesigen Krater. Danach wandern wir zum jüngeren Vulkan Chico mit seinen bizarren Lavaformationen und einzigartigen Kakteen mit holzartigen Stämmen. Wieder auf dem Boot, gönne ich mir vor dem Abendessen noch kurz einen Sprung ins Meer. Erst als ich fidel im kühlen Nass strample, kommt mir in den Sinn, dass ja die Haie, die wir am Morgen friedlich schlafend in den Lavakanälen am Strand gesehen haben, nach der Dämmerung auf die Jagd gehen. Ich weiss zwar, dass ich nicht auf ihrem Speisezettel stehe, aber ich zähle trotzdem sicherheitshalber meine Zehen, als ich aus dem Wasser steige.

Fernandina, die jüngste Insel des Archipels, ist auch gleich eine der eindrücklichsten. Hier versammelt sich so etwa alles, was wir an kreuchenden, fleuchenden und schwimmenden Kreaturen auf unserer Tour gesehen haben. Hier lebt sogar der einzigartige Kormoran, der irgendwann beschlossen hat, dass er das Fliegen nicht mehr nötig hat und seither seine stummelhaften Flügelchen zum Schwimmen braucht. Nur den riesigen Galápagos-Schildkröten begegnen wir hier nicht, dafür schnorcheln wir hier mit den fast ebensogrossen Meeresschildkröten.

Irgendwie kommt es mir komisch vor, dass der Boden im Restaurant nicht mehr schaukelt nach acht Tagen Dinieren auf See. Unsere Tour ist zu Ende. Wir sind wieder am Flughafen und warten diesmal auf unseren Flug zurück aufs Festland. Ich füttere wieder die Darwinfinken. Ja, Darwin hatte recht: Die Galápagos sind wirklich ein «Paradies» für Evolutionstheoretiker.


 

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