Titicaca-See, das «Mittelmeer» der Anden PDF Drucken E-Mail
Sonntag, den 27. November 2011 um 18:38 Uhr

Strandferien, dazu ein farbenfrohes Folklore-Festival: Befinden wir uns wirklich auf 3800 Metern über Meer?

von Rafael


Bauern, die mit Ochsengespannen die Felder pflügen, Dörfer mit Häuschen aus ungebrannten Lehmziegeln. Fast könnte man meinen, die Szenerie, die an unserem Busfenster vorüberzieht, stammt aus einer anderen Zeit. Doch nicht ganz, überall prangen die Slogans der Kandidaten der bereits verstrichenen Präsidentschaftswahlen 2011 entgegen. Nein, nicht in Plakatform, sondern direkt auf Mauern und Hauswände gemalt. Mit der steigenden Zahl der Höhenmeter verändert sich die Landschaft. Felder werden karger, Frauen und Kinder hüten Herden von Schafen, Schweinen, Eseln, Lamas und Alpacas, meist in jeder erdenklichen Kombination zusammengewürfelt. Und dann liegt er vor uns, wie ein Meer auf 3800 Metern über Meer, ein Ebenbild des tiefblauen Hochlandhimmels: der legendäre Titicaca-See.



In Perus Folklore-Hauptstadt

Unsere erste Destination an den Ufern des Sees ist Puno in Peru, trotz der exzellenten Lage wie so viele südamerikanische Städte nicht gerade eine Augenweide. Das Stadtzentrum aus der Kolonialzeit sei da mal ausgeschlossen. Häuser aus Betongerüsten, aufgefüllt mit Backsteinen, die Armierungseisen ragen oben raus für den Fall, dass die Bauherren noch ein Stockwerk draufsetzen könnten, sollte bei ihnen der Wohlstand ausbrechen. Doch wir sind ja auch nicht wegen der Architektur nach Puno gereist. Die Stadt trägt den Titel «Folklore-Hauptstadt von Peru», und das zu Recht, wie sich herausstellt. Wir haben unseren Aufenthalt hier nämlich so geplant, dass wir das Puno-Festival besuchen können. Ein riesiger Anlass mit hunderten von Tänzern in äusserst farbenfrohen Hochlandkostümen samt Inka-König und -Königin. Ganz nach Inkatradition durfte auch das Opfern eines Alpacas nicht fehlen. Glücklicherweise stand ich etwas weit weg, deshalb kann ich auch nicht sagen, ob sie das Blut wirklich getrunken haben und ob sie das Herz für Pachamama, die Mutter Erde, im Boden vergraben haben. Wir lassen uns dadurch den Appetit aber nicht verderben und geniessen anschliessend mit unseren zwei neuen Freunden, Vera und Knut aus St. Gallen, die lokale Spezialität Trucha Frita (frittierte Forelle) frisch aus dem See.

Eine andere Attraktion, die Puno bietet, sind die Islas Flotantes, schwimmende Inseln aus Schilf. Ursprünglich haben ihre Bewohner die Inseln konstruiert, um vor Überfällen feindlicher Stämme sicher zu sein. Heute sind sie nur noch eine Touristenattraktion. Und so stapfen auch wir mit einer Horde von Gringo-Pauschaltouristen auf den Schilfinseln herum, besuchen Schilfhäuser, fahren in Schilfbooten und schiessen Fotos von Schilfinselbewohnern. Etwas seltsam komme ich mir schon vor dabei, andererseits könnten die Bewohner schon lange nicht mehr auf ihren schwimmenden Dörfern überleben, wäre da nicht das Geld von uns Touristen.

Das Copacabana des Hochlands
Eine äusserst rasante und kurvige Busfahrt entlang dem See, samt wackliger Überquerung einer Seeenge mit einer nicht allzu vertrauenswürdigen Fähre, bringt uns nach Bolivien. Copacabana ist unsere nächste Destination. Obwohl an einem Strand gelegen, hat es sonst kaum etwas mit dem weit berühmteren brasilianischen Namensvetter zu tun. Klein und niedlich schmiegt es sich um die Bucht. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es stamme aus einem Mittelmeer-Ferienkatalog. Aber nur auf den ersten Blick. Etwas weniger Müll in den Strassen und etwas mehr fertiggestellte Häuser könnten dem Ortsbild auch nicht schaden. Wir beziehen das altehrwürdige Hotel Mirador. Der Name ist Programm, die Aussicht durch unser zerbrochenes Hotelfenster direkt auf den See ist atemberaubend. Die kleine, stinkende, private Recyclinganlage direkt unter unserem Hotelfenster übersehen wir dabei mal grosszügig. Doch wir lassen uns dadurch aber den Appetit nicht verderben und geniessen zum Mittagessen die lokale Spezialität Trucha Frita – was sonst?

Die Geburtsstätte der Sonne
Die Isla del Sol – gemäss Inkalegende ist diese Seeinsel die Geburtsstätte der Sonne. Und wirklich, dies zu glauben fällt nicht schwer. Fast wähnen wir uns in Griechenland mit den kleinen Steinhäusern, den kargen Hängen, den vielen Eseln, Schafherden und dem knallblauen Himmel, der am Horizont fast nahtlos in das Meer, nein, den See übergeht. Nur die mächtigen, verschneiten Sechstausender im Hintergrund deuten darauf hin, dass wir uns nicht auf Meereshöhe befinden. Zudem bringt uns der steile Aufstieg zum Grat der Insel wieder auf den Boden der Realität. Dieser liegt nämlich auf 4000 Metern über Meer, und die Luft ist dementsprechend dünn. Nach vier Stunden Wandern erreichen wir das von weitem malerisch aussehende Dörfchen an der Nordküste der Insel. Eigentlich wollen wir da übernachten, doch aus der Nähe entpuppt sich der Ort als ziemliches Dreckloch. Die einzigen Reisenden, die sich hier richtig wohl zu fühlen scheinen, sind eine Gruppe verwahrloster Junghippies. Also nichts wie zurück an die Südküste der Insel zu den zu den etwas verwöhnteren Touristen. Hier ist die Unterkunft wunderbar gringokonform, was wir vom Service jedoch nicht gerade behaupten können. Die Einwohner sind wohl noch etwas überfordert mit den zunehmenden Touristenströmen.

Zurück in auf dem Festland in Copacabana leisten wir uns zum Abschied vom Titicacasee ein wunderbares Abendessen. Nein, nicht frittierte Forelle, sondern ein waschechtes bolivianisches Hochlandkäse-Fondue.


 

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