Tonga
Ein Königreich im Nirgendwo PDF Drucken E-Mail
Samstag, den 12. März 2011 um 01:52 Uhr

Von Rafael

Es war einmal ein Königreich, bestehend aus vielen sehr kleinen Inseln in der Mitte eines riesigen stillen Ozeans. Die Freundlichkeit der Inselbewohner war so bemerkenswert, dass die Insel vom Entdecker Captain Cook auf den Namen «the Friendly Islands» getauft wurde. Die Leute, die heutzutage Kunde von diesem fernen Königreich haben, kennen es wohl am ehesten unter dem Namen Tonga.


So klein das Königreich auch ist, von dessen polynesischen Bewohnern kann man dies nicht behaupten. Vor allem deren Körperumfang ist oft sehr bemerkenswert, dies können auch die Strohmatten, die sich die Tongaer um die Hüfte binden, nicht verbergen. Ich habe mir sagen lassen, dass diese Art von traditioneller Kleidung hauptsächlich einen formellen Zweck erfüllt, vergleichsweise mit der Krawatte in unseren Kulturkreisen.

Dass die Zeit hier anders tickt, merken wir bereits auf der Taxifahrt vom Flughafen in die Hauptstadt Nuku‘alofa, der Tachozeiger unseres Taxis schafft gerade mal knapp die Hürde von 40 Stundenkilometern, und das, obwohl wir nicht nach Zeitdauer, sondern eine Pauschale bezahlen. Die anderen Verkehrsteilnehmer scheinen sich darüber aber keineswegs zu stören, wir werden nicht einmal überholt. Die tongaische Fahrweise kommt sicherlich den unzähligen Schweinchen, Hühnern und Hunden zugute, die auch in der Hauptstadt frei herumlaufen und sich eher weniger als mehr an die hiesigen Verkehrsregeln halten. Ob das am Linksverkehr liegt?

Das Taxi haben wir übrigens nur genommen, weil unser Hotel-Pickup vom Flughafen nicht geklappt hat. Dies liegt aber nicht an der Mentalität der hiesigen Bevölkerung, sondern vielmehr an der Zerstreutheit des drogenkonsumierenden iranischen Hotelmanagers. Da es mit unserer ersten Übernachtungsstätte auch sonst nicht zum Besten steht, flüchten wir schon bereits am nächsten Tag von der Insel auf die Insel.


Die einsamen Inseln von Ha'apai

Ein Haufen Palmen, ein weiss leuchtender Sandstrand, eine türkisfarbene Lagune, wie zufällig in die dunkelblaue See hineingeworfen liegen sie unter uns, flach wie Pfannkuchen, die winzigen Koralleninseln der Ha'apai Group.

Wie klein die Inseln sind, wird uns bewusst, als die Landebahn vor uns auftaucht, sie schneidet die Hauptinsel Lifuka glatt in zwei Teile. Die Strasse, die quer über das Rollfeld führt, wird jeweils für die Landung der Flugzeuge gesperrt.

Wers gerne ruhig mag, der wird das Outpost-Nest Pangai mögen, mit 500 Einwohnern das grösste Dorf der Ha'apai Group. An einem Samstag läuft dort absolut gar nichts, und so sind wir froh, dass wir im Mariner’s Café Sony treffen. Der gesellige Kettenraucher und seine dicke Frau Maria betreiben auf der Nachbarinsel Uoleva eine sehr kleine und sehr einfache Unterkunft, ohne Strom und Handyempfang.

Wir sind die einzigen Gäste und teilen das Resort nur mit einem halben Dutzend Hunden, Hühnern und ebenso vielen Schweinen. Der erfinderische Sony hat in sicherer Höhe Harassen an die Palmen genagelt, die den Hühnern als Legestätten dienen. So geniessen wir die Eier zum Frühstück und müssen sie nicht den Mitbewohnern mit Ringelschwänzchen überlassen.



Den Sonntag verbringen wir mit Badetuch, Buch und Schnorchel, an einem einsamen Strand, zwischen Einsiedlerkrebsen und Hunderten von bunten Fischen.

Ein kleiner Überlebenstipp für Südseereisende: Kokospalmen sind generell sichere Schattenspender, solange die Nüsse daran noch grün sind.

Eua und der Tsunami
Wir befinden uns auf der Insel Eua (ausgesprochen E-u-a), mit hohen Klippen, Höhlen und Regenwald ein klarer Kontrast zu den flachen Koralleninseln der Ha’apai Gruppe.

Vor Kurzem das Erdbeben in Christchurch, und jetzt das verheerende Erdbeben in Japan, es brodelt im Pacific Ring of Fire. Etwa um 21.40 Uhr kommt unser Gastgeber Taki zu uns und berichtet uns von der soeben eingegangenen Tsunamiwarnung. Ein etwas mulmiges Gefühl breitet sich in der Magengegend aus, Bilder von der Verwüstung der thailändischen Küsten im Jahr 2004 kommen hoch.

Gemäss Tsunamiwarnsystem träfe uns die Welle gegen 5 Uhr in der Früh. Da ist es doch beruhigend zu wissen, dass wir uns auf einer der höchsten Inseln im ganzen Königreich befinden. Falls sich die Situation bis zum Morgen hin nicht beruhigen sollte, würde uns Taki aufwecken und in höher gelegene Lagen bringen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere sieben Sachen vorsichtshalber zusammenzupacken und uns schlafen zu legen. Der Schlaf ist leicht, das Rauschen der Brandung unten am Strand verliert plötzlich seine beruhigende Monotonie.

Um 3 Uhr ist es dann so weit, wir laden unsere Rucksäcke auf einen kleinen Lastwagen und verbringen den Rest der Nacht weiter oben am Berg auf der Ladefläche unter südlichem Sternenhimmel.

Kurz nach 6 Uhr dann die Entwarnung, die Welle hat Tonga nicht erreicht. Aufatmen, aus der Bedrohung wird plötzlich ein weiteres Abenteuer. Es ist erstaunlich, ich habe in dieser Nacht gewusst, wie stark das Beben in Japan war und was ein Tsunami anrichten kann. Trotzdem fühlte ich mich nie richtig in Gefahr, ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Welle uns erreichen könnte, es war alles irgendwie abstrakt und surreal. Man tut, was man kann, um Vorbereitungen zu treffen, doch viel tun kann man eigentlich nicht. Es wird einem plötzlich wieder bewusst, wie klein man ist, ein Spielball eines riesigen Ganzen, nicht einmal ein Wimpernschlag in der Ewigkeit. So betrachtet wird auch die Welle plötzlich sehr klein.

 

 
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