West-USA
Tiefe Schluchten und tote Täler PDF Drucken E-Mail
Montag, den 06. Juni 2011 um 17:31 Uhr

Von Olivia

Nach dem Stadtleben in Los Angeles und Las Vegas war es für uns höchste Zeit, in die Natur zu flüchten. Der Grand Canyon rief, das Wahrzeichen des US-Bundesstaats Arizona. Und die erste Nacht in unserem «neuen» Auto. Ob es der winterlichen Nachtkälte standhält?

In all den Jahren vor unserer Reise sahen wir immer wieder Bilder vom rötlichen Grand Canyon, hörten und lasen, wie eindrücklich er ist. Es entstanden bestimmte Vorstellungen im Kopf, doch beim ersten Anblick war der Canyon doch anders als erwartet. Wer ihm auch immer das Wort «Grand» hinzugefügt hat, hat definitiv nicht übertrieben. Canyon, wohin das Auge reicht, wir wussten gar nicht, wo wir beginnen sollten mit Schauen und Staunen. Durch gelbe, rote und schwarze Schichten verschiedenster Herkunft hat der Colorado River einen tiefen Spalt in die Zeit gefressen, rund 1400 Meter vom Plateau herunter.

Wer nun denkt, wir hätten da draussen in Arizona so richtig warm gehabt, der irrt. Eine aussergewöhnliche Kältewelle hatte die West-USA heimgesucht, und nachts lungerten die Temperaturen auf dem 2100 Meter hohen Plateau des Grand Canyon um den Gefrierpunkt herum. Für uns ein Schock nach vier Monaten sommerlicher Temperaturen. Vor allem auch, weil unsere Campingausrüstung damals noch nicht so kälteresistent war. Man kann sich kaum vorstellen, wie kalt eine aufblasbare Matratze in einer kalten Nacht sein kann.

Rein in den Canyon!
Obwohl wir mangels guten Schlafs entsprechend müde waren, liessen wir uns eine Wanderung im Grand Canyon nicht entgehen. Der kostenlose Shuttlebus des Nationalparks chauffierte uns zum South Kaibab Trail, und dann gings «s'Loch derab». Canyon-Wanderungen haben es so an sich, dass es bergab geht und danach wieder bergauf – nicht umgekehrt, wie wir es aus der Schweiz kennen. Folglich sollte der eifrige Wanderer nicht vergessen, dass er nach dem lockeren Halbsprint runter etwas mehr Zeit für den Wiederaufstieg benötigt. Und das bei grösserer Hitze als beim Abstieg, sofern er den Wanderweg am Morgen in Angriff genommen hat.

Nun, wie es in den USA so ist, wenn irgendwo irgendwelche Gefahren lauern (könnten), war der Startpunkt des South Kaibab Trail natürlich wieder mit unzähligen Warnschildern zugepflastert. Wobei diese – im Gegensatz zu Warnungen, dass man sich beim Kicken an Toilettentüren schwer oder tödlich verletzen könnte – doch noch erstaunlich sinnvoll waren. Etwa, dass man nicht in einem einzigen Tag zum Colorado River hinunter und wieder hinauf wandern sollte, da dies 10 bis 12 Stunden dauere und man dies in der Hitze der Saison besser nicht riskiert. Und dass man genug Wasser mitnehmen muss, da an Tagen mit 40°C gut und gern 2 Liter Wasser pro Stunde aus dem Körper verdunsten. Zu unserem Glück sorgte jedoch die Kältewelle tagsüber für angenehme Wandertemperaturen, zudem wurde es wärmer, je tiefer wir uns in den Canyon hinunterarbeiteten.

Kultige Route 66
Nach der Wanderung wollten wir uns nicht noch eine dritte Nacht im Auto um null Grad herum antun. So brausten wir mit unserem fahrbaren «Hotel California» ins Dorf Williams, an der berühmten Route 66 gelegen. Dieser Ort ist voller Nostalgie der «goldenen» 1950er-Jahre, als der technische Fortschritt seine schlechten Seiten noch nicht enthüllt hatte. Es standen Töffs und überbreite Autos an jeder Ecke, und in der Luft lag Motelromantik. Keine Frage, nahmen wir uns ein Motelzimmer bei Elton, dem freundlichen Inder, und liessen gleich die Heizung auf vollen Touren laufen.

Und wenn wir schon an der Route 66 waren, musste ein riesiges Steak in einem der kultigen Motorrad-Restaurants her. Die Wände waren mit alten Strassen- und Autoschildern tapeziert, und in den Ecken standen kultige Tanksäulen aus den 1950er-Jahren. Apropos Tanksäulen: Als wir unser Auto für die Weiterfahrt volltankten, stoppte der Zähler – wie könnte es anders sein – bei 66 Dollar.

Nach einer wohlig-warmen Nacht – wir schliefen wie Steine – liessen wir uns in einem Café mit einem dicken Frühstück verwöhnen. Die Grossmutter des Familienbetriebs bediente uns herzallerliebst, während es draussen mittlerweile zu schneien begonnen hatte. Und das Mitte Mai in Arizona! Das hatte selbst die Grossmutter selten gesehen in all den Jahren.

Des Autos Tod im Death Valley
Nach all dem Frieren war es Zeit für Wärme. Oder Hitze. Und die gibt’s im kalifornischen Death Valley, bekannt für die heissesten Temperaturen der Welt, zur Genüge. Zudem war die Luft so trocken, dass wir kaum merkten, wie wir schwitzten, weil der Schweiss sofort verdunstete. Dabei war es noch gar nicht richtig heiss fürs Death Valley mit 35°C am Tag und 22°C in der Nacht. Im Sommer kann das Thermometer gut und gern 48 Grad im Schatten anzeigen, und die höchste je gemessene Temperatur betrug hier 57 Grad im Jahr 1913. Am heissesten ist es meistens im Badwater Basin, dem tiefsten Punkt der USA, einem 85.5 Meter unter dem Meeresspiegel gelegenen Salzsee.

Trotz dieser verhältnismässig «harmlosen» Temperaturen hat unser Auto im Death Valley seinen ersten Tod gestorben. Eines schönen Morgens, als wir um 6 Uhr zu besagtem Salzsee aufbrechen wollten, sprang der Motor nicht an. Der nationalparkeigene Automechaniker – ja, den brauchts hier wirklich – erweckte unsere Klapperkiste mit einem Stromstoss wieder zum Leben. Da er aber nur dafür da ist, Autos wieder zum Laufen zu bringen, mussten wir ins eine Stunde entfernte Kaff Pahrump fahren, um die Batterie checken zu lassen und mögliche Batteriefresser unschädlich zu machen. Ein wortkarger Mech, eine Art heruntergekommener Brad Pitt mit überlangem Zopf und schlechten Zähnen, «chüngelte» etwas rum, und seither springt das Auto wieder problemlos an.

Zurück im Death Valley, bewunderten wir im Abendlicht den Salzsee und die bizarren Formen und Farben, die der Nationalpark rundherum bot. Am nächsten Morgen, als das Auto nun wieder ansprang, wanderten wir durch eine mystische Sanddünen-Landschaft und einen Canyon mit glattgeschliffenen Mosaik- und Marmorwänden. Die wärmsten Stunden verbrachten wir mit Siesta im Schatten des nächsten Campingplatzes, bevor wir uns einen versteckten Wasserfall anschauten. Welch ein Unterschied zum restlichen Death Valley: üppige Vegetation, Leben, und sogar ein Quäntchen Luftfeuchtigkeit!

Dies markierte sogleich das Ende unseres Besuchs im toten Tal. Es war faszinierend, eine so andere Klimazone mit all den fantastischen Formationen zu sehen, und dennoch waren wir froh, wieder in gemässigtere Zonen zu reisen. Die Nationalparks Sequoia und Kings Canyon riefen nun. Doch mehr dazu später...

 
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